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Herr Hörsch, was zeigte die erste Verständigungsorte-Studie im vergangenen Jahr – und was blieb damals noch verborgen? Was haben Sie durch die neue Auswertung entdeckt?
Daniel Hörsch: Die erste Studie aus dem Februar 2025 hat vor allem eine Stimmung sichtbar gemacht. 82 Prozent der Befragten hielten die Gesellschaft für gespalten, 70 Prozent fanden die öffentliche Debatte weniger sachlich als früher und 59 Prozent mieden bestimmte Themen im eigenen Umfeld, um Streit zu vermeiden. Diese Zahlen beschrieben ein Gefühl, sie sagten aber nicht, worin die Spaltung eigentlich besteht und wo sie verläuft. Genau das blieb verborgen, nämlich die innere Ordnung hinter den Einzelbefunden. Für die neue Auswertung hat midi tiefer nach dieser Struktur gefragt. Sichtbar wurden vier annähernd gleich große Grundhaltungen.
Sie unterscheiden vier Grundhaltungen: die Vertrauensvoll Wachsamen, die Progressiven Gerechtigkeitskritiker, die enttäuschten Ungehörten und die rundum Verunsicherten. Was unterscheidet diese vier Gruppen – und was haben sie gemeinsam?
Hörsch: Die vier Grundhaltungen ordnen sich entlang von drei Achsen, nämlich dem Demokratievertrauen samt kultureller Bedrohungswahrnehmung, der Gerechtigkeitswahrnehmung und der Sorge um den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Vertrauensvoll Wachsamen mit 27,9 Prozent sind demokratiezufrieden, sehen soziale Unterschiede eher als gerecht und haben die höchste Lebenszufriedenheit. Die Progressiven Gerechtigkeitskritiker mit 24,2 Prozent sind ebenfalls demokratiezufrieden, zugleich aber am schärfsten gerechtigkeitskritisch, jung und säkular. Die Enttäuschten Ungehörten mit 24,1 Prozent sind demokratieunzufrieden, thematisch auf Migration fokussiert, eher männlich geprägt und im Osten überrepräsentiert. Die Rundum Verunsicherten mit 23,9 Prozent sind ebenfalls demokratieunzufrieden, aber diffus um alles besorgt, eher weiblich geprägt und parteipolitisch heimatlos. Gemeinsam ist den vier Gruppen ein Klima der Vorsicht. Geteilt wird zudem die Erfahrung, dass es dem eigenen Leben meist gut geht, während der Blick auf das Land düster ausfällt.
Wenn diese vier Grundhaltungen aufeinandertreffen: Was braucht es, damit aus Konfrontation tatsächlich Verständigung werden kann? Und wie können wir unseren Horizont weiten, um andere Sichtweisen besser zu verstehen?
Hörsch: Entscheidend ist, dass die Form mindestens so wichtig ist wie der Inhalt. Über alle vier Grundhaltungen hinweg nennen die Befragten zuerst eine neutrale Moderation mit 77,9 Prozent und klare Kommunikationsregeln mit 72,4 Prozent, erst danach folgen Fakten und Expertenwissen mit 64,8 Prozent. Verständigung beginnt also nicht mit dem richtigen Argument, sondern mit einem glaubwürdigen Raum. Ein guter Einstieg liegt zudem weniger bei den großen Streitfragen als beim Umgang miteinander, denn die Sorge um die Verrohung wird breit geteilt und erzeugt kaum Ärger. Die Methodik der #Verständigungsorte-Startbox setzt hier an. Sie stellt das Erzählen persönlicher Geschichten vor das Austauschen von Meinungen und fragt „Was ist deine Geschichte?“. Wer von der eigenen Erfahrung erzählt und der Erfahrung anderer zuhört, weitet den eigenen Horizont, ohne sich sofort in Positionen zu verschanzen.
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