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Herr Professor Sievert, künstliche Intelligenz gewinnt in Kirchengemeinden laut ihrer Studie zunehmend an Bedeutung. Zugleich wurden fehlende ethische Leitlinien bemängelt. Was sollten die Kirchen bei der Entwicklung von ethischen Leitlinien beachten?
Professor Holger Sievert: Die Kirchen haben hier eine ganz besondere Verantwortung und Herausforderung. Einerseits müssen sie sicherstellen, dass sie sich dieser neuen Technologie kompetent bedienen, um weiterhin eine wichtige und wahrnehmbare Stimme zu sein. Andererseits sind sie auf Grund ihres eigenen ethischen Anspruchs besonders gefordert, hohe Standards zu setzen und zu beachten. Für alle Anwendungsgebiete sollte gelten, dass der Mensch immer die letzte Kontrolle und die Verantwortung behält. Das fordern auch die Befragten. Wir müssen zugleich aufpassen, dass wir durch zu starre Verbote keine Schatten-KI erzeugen. Fast jeder fünfte hauptberuflich Mitarbeitende gibt in unserer Studie an, gewisse KI-Tools selbst bei einem Verbot einfach heimlich weiterzunutzen.
Wo könnte aus Ihrer Sicht KI im Pfarramt hilfreich sein und stärker genutzt werden?
Sievert: Das größte Potenzial im Pfarramt sehe ich ganz pragmatisch in der spürbaren Entlastung von der kirchlichen Bürokratie und Verwaltung. Ob es um das Verfassen von Protokollen, das Entwerfen von Gemeindebriefen, das Formulieren von Social-Media-Posts auf Instagram oder um alltägliche organisatorische E-Mails geht, kann KI den Mitarbeitenden massiv Zeit einsparen. Das ist Zeit, die vor allem für die echte, leibhaftige Beziehungsarbeit und die Seelsorge am Menschen bleibt. Was das Thema Predigt angeht, so ist KI als theologische Inspirationsquelle, zur Strukturierung von ersten Gedanken oder zur historischen Faktenrecherche ein hervorragender Sparringspartner. Das Verfassen der eigentlichen Predigt sollte meiner Ansicht nach aber nicht an Maschinen delegiert werden. Eine gelungene Predigt lebt vom Zeugnis des eigenen Glaubens, von der existenziellen Betroffenheit der predigenden Person und dem ganz konkreten, aktuellen Bezug zur Gemeinde vor Ort. Das kann keine Software simulieren.
Wo sind weitere Grenzen beim Einsatz von KI?
Sievert: Laut unserer Studie wünschen sich die Befragten, dass digitale Seelsorgeangebote grundsätzlich verfügbar sein sollten, automatisierte Chatbots in der direkten Seelsorge lehnen sie aber ab. Das eigentliche seelsorgliche Gespräch wird von vielen offenbar als eine unverfügbare, rein menschliche Begegnungszone gesehen. Wobei man ja durchaus diskutieren kann, dass die Seelsorge suchenden Menschen mit hoher digitaler Affinität sich halt aktuell ohnehin von ChatGPT, Gemini, Claude &. Co. in Lebensfragen beraten lassen. Das wiederum kann man eigentlich noch weniger wollen, wenn man weiß, wie diese Systeme funktionieren und welche Strukturen dahinterstecken. Persönlich denke ich, dass Kirche durchaus entsprechende, gut und kompetent gemachte Angebote für einen möglichst barrierefreien Erstzugang entwickeln sollte, um dann zu einem geeigneten Zeitpunkt zusätzlich den Kontakt zu einer „echten“ seelsorgenden Person anzubieten. Ansätze dazu gibt es.
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