|
Wie sind Sie zur Meditation gekommen und was kann sie Menschen geben?
Bernd Skowron: Meditation spielte in meiner Jugend überhaupt keine Rolle. Es gab weder in meiner Kirchengemeinde noch während meines Theologiestudiums entsprechende Angebote. Gleichzeitig hatte ich immer die Sehnsucht nach einer verlässlichen spirituellen Praxis. Vor rund 30 Jahren habe ich deshalb an einer Schweigewoche im Benediktinerpriorat Damme teilgenommen. Ehrlich gesagt war ich damals auch unsicher. Ich fragte mich: Was passiert, wenn ich still werde? Was könnte in mir auftauchen, dem ich lieber ausweiche?
Diese Sorge teilen viele Menschen, und zwar völlig zu Unrecht. Wenn wir zur Ruhe kommen, begegnen wir nicht plötzlich etwas Fremdem. Wir nehmen lediglich klarer wahr, was ohnehin in uns lebt. Im Alltag wird das oft von Arbeit, Verpflichtungen und Freizeit überdeckt. Meditation hat mir geholfen, mich mit mir selbst anzufreunden. Ich habe mehr Klarheit darüber gewonnen, was ich wirklich brauche und was nicht. Gleichzeitig ist mein Vertrauen in Gott gewachsen. Ich erlebe, dass ich nicht allein bin, sondern getragen werde.
Was unterscheidet christliche Meditation von einer säkularen Achtsamkeitspraxis?
Skowron: Ich denke dabei etwa an die Achtsamkeitspraxis nach Jon Kabat-Zinn, also MBSR – Mindfulness Based Stress Reduction. Das ist eine hervorragende Methode, gerade in belastenden Lebensphasen wieder zu sich selbst zu finden. Ich empfehle sie ausdrücklich. Christliche Meditation enthält all das, was Achtsamkeit und Stressreduktion ermöglichen. Sie geht jedoch noch einen Schritt weiter.
Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen sich selbst als nicht religiös verstehen. Dadurch entsteht oft eine Art transzendentale Obdachlosigkeit: Menschen verlieren den Kontakt zu einer tieferen Dimension ihres Lebens und orientieren sich vor allem an äußeren Erfolgen oder am eigenen Ich. Christliche Meditation führt dagegen zurück in die Verbundenheit – mit Gott, mit sich selbst, mit anderen Menschen und mit der Schöpfung. Der frühere Fernsehpfarrer Jörg Zink hat das einmal schön formuliert: Wer sich nach innen wendet, gewinnt Kraft, sich anschließend um die Welt zu kümmern, zu heilen, zu trösten und zu lieben.
Warum können Meditation und Stille gerade heute auch für Kirche und Gesellschaft wichtig sein?
Skowron: Unsere Gesellschaft verlangt den Menschen immer mehr Eigeninitiative und Eigenverantwortung ab. Beruflich wie privat stehen viele dauerhaft unter Druck. Wir müssen mehr organisieren, mehr wissen und ständig Entscheidungen treffen. Oft laufen wir nur noch auf Autopilot. Genau hier setzt Meditation an. Sie fordert nicht noch mehr Leistung. Im Gegenteil: In der Meditation geht es darum, einfach da zu sein. Den gegenwärtigen Moment wahrzunehmen. Gedanken, Gefühle und Bilder kommen und dürfen da sein, ohne dass wir sofort etwas verändern müssen. Diese Erfahrung, einfach sein zu dürfen, ist für viele Menschen heute ungewohnt – und gerade deshalb so heilsam.
Neben der persönlichen Erfahrung gibt es auch eine gesellschaftliche Dimension. Wir erleben derzeit, wie Polarisierung, Hass und Spaltung zunehmen. Mit „Lüneburg geht in die Stille“ möchten wir Menschen aus ganz unterschiedlichen Traditionen zusammenbringen: christliche Meditation, buddhistische Angebote, MBSR, Yoga, Tai Chi oder Qigong. Menschen mit unterschiedlichen religiösen oder weltanschaulichen Hintergründen sitzen gemeinsam in der Stille.
Für mich ist das ein starkes gesellschaftliches Signal. Trotz aller Unterschiede verbindet uns die Sehnsucht nach Frieden, Achtsamkeit und Menschlichkeit. Genau das möchten wir sichtbar machen.
|