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Herr Bauer, rund 50 Fachleute aus ganz Norddeutschland haben in Hildesheim anderthalb Tage über das künftige Gesangbuch diskutiert. Was nehmen Sie mit von dieser Tagung?
Lukas Bauer: Ich nehme aus dem Austausch vor allem die große Leidenschaft für das Gesangbuch mit – und die Energie, die im Raum spürbar war. Viele Menschen hatten ein starkes Bedürfnis, ihre Meinung zu teilen, miteinander ins Gespräch zu kommen und auch andere Perspektiven wahrzunehmen. Diese Vielfalt an Sichtweisen auf das neue Gesangbuch fasziniert mich immer wieder. Dabei hat jede dieser Perspektiven ihre Berechtigung, weil sie jeweils die Realität in den einzelnen Gemeinden widerspiegelt. Besonders schön war für mich auch zu erleben, dass die Erprobungsphase vor Ort tatsächlich funktioniert hat. Menschen haben erzählt, was sie in ihren Gemeinden ausprobiert haben und welche Reaktionen das ausgelöst hat. Außerdem konnten wir hier manche Kritik aufnehmen und Hintergründe erläutern. So entstand bei einigen ein neues Verständnis für die inhaltlichen Entscheidungen des Erprobungsbands.
Sie waren bereits in Süddeutschland und Österreich unterwegs. Was war dort anders?
Bauer: Ja, die verschiedenen Landeskirchen veranstalten derzeit solche Tagungen, und einige haben uns dazu eingeladen. Ich selbst war viel in Württemberg unterwegs, war unter anderem auch in Österreich und werde demnächst noch nach Frankfurt und Bayern fahren. Dabei spürt man durchaus die unterschiedlichen Mentalitäten – von den Alpen bis zur Nordsee – und begegnet auch dem einen oder anderen Klischee. Am interessantesten finde ich jedoch die besonderen Prägungen, die die einzelnen Landeskirchen ausstrahlen. Manche wirken stärker hierarchieorientiert und sind vielleicht auch etwas strukturierter. Hier im Norden habe ich zum Beispiel eine sehr offene und lebendige Gesprächskultur erlebt. Ich hatte nicht den Eindruck, dass sich jemand zurückhält oder etwas nicht sagt, nur weil vielleicht eine Oberkirchenrätin mit im Raum sitzt. Jede und jeder hat sich so eingebracht, wie es für sie oder ihn stimmig war – und das empfinde ich als ein sehr gutes Zeichen.
Welche Baustellen gibt es noch? Und wie sieht der weitere Zeitplan aus?
Bauer: Es wartet eine Menge Arbeit: Notensatz, Korrekturen und vieles mehr. Gleichzeitig gibt es einige Punkte, die sehr kontrovers diskutiert werden und bei denen wir zu einem Ergebnis kommen müssen, das am Ende für alle Seiten tragfähig ist. Das ist eine große Herausforderung. Hier in Hildesheim war zum Beispiel das Thema Worship sehr präsent: Wie viele Worship-Lieder sollen ins Gesangbuch aufgenommen werden? In anderen Landeskirchen ist diese Diskussion dagegen längst geführt worden, dort stehen andere Themen im Mittelpunkt. Wir werden nun sehr intensiv die Erprobungsphase auswerten und auf dieser Grundlage die Lieder und Inhalte überarbeiten. Das wird etwa ein Jahr in Anspruch nehmen. Danach folgt eine gründliche redaktionelle Arbeit an allen Liedern: Welche Strophen werden aufgenommen? Welche Textfassung und welche Melodiefassung verwenden wir? Parallel dazu läuft die politische Abstimmung. Unser Ziel ist es, bis Ende 2027 mit allen Synoden eine Einigung über die Einführung des neuen Gesangbuchs zu erreichen, so dass wir anschließend die Veröffentlichung vorbereiten können.
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