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Frau Rudnick, was bedeutet der Begriff Antisemitismus?
Ursula Rudnick: Antisemitismus ist Judenfeindschaft. Dazu gehören Vorurteile, Hass, Diskriminierung und Gewalt gegen Juden als Einzelne oder als Gemeinschaft – und zwar nur, weil es Juden sind. Judenfeindschaft besteht seit der Antike und ist ein wandelbares gesellschaftliches Phänomen, das aktuell einen besonderen Ausdruck in der Israel-Feindschaft findet. Der Begriff Antisemitismus wurde im 19. Jahrhundert geprägt, um politische Judenfeindschaft vom religiös geprägten Antijudaismus zu unterscheiden. Antisemitismus kann auch rassistisch oder sozial begründet sein. Antisemitismus ist also gefährlich, weil er Menschen entmenschlicht, zu Diskriminierung, Gewalt und schließlich Vernichtung führen kann. Der Holocaust zeigt, wohin staatlich organisierter, radikalisierter Judenhass führen kann: zu millionenfachem Mord.
Warum ziehen sich Vorurteile und Hass gegen Juden durch die Geschichte?
Rudnick: Eine der Wurzeln des Antisemitismus ist der über Jahrhunderte bestehende christliche Antijudaismus. Das Christentum erwuchs vor rund 2.000 Jahren aus der Tradition des Judentums heraus und formulierte seine Identität von Beginn an in Abgrenzung zum Judentum. Dies ging einher mit Herabsetzung und Diffamierung. Nach der Vertreibung der meisten Juden aus dem Heiligen Land durch die Römer bildeten Juden im christlichen Abendland eine Minderheit. Sie wurden historisch als „die anderen“ markiert, ausgegrenzt und zu Sündenböcken für Krisen gemacht – etwa für wirtschaftliche Probleme, Seuchen oder militärische Niederlagen. Dabei wurden Ängste, Frustrationen und ungelöste Konflikte auf die jüdische Bevölkerung projiziert, die dann symbolisch für alles Negative verantwortlich gemacht wurde.
Darf man den Staat Israel kritisieren oder ist das schon Antisemitismus?
Rudnick: Politische Kritik an Entscheidungen oder Gesetzen des Staates Israel ist nicht automatisch antisemitisch und daher selbstverständlich erlaubt - so wie bei jedem anderen Staat auch. Antisemitisch wird Kritik dann, wenn sie judenfeindliche Muster benutzt, Doppelstandards anlegt oder Israel dämonisiert. Wenn Israel als grundsätzlich „böse“, „teuflisch“ oder als Hauptverursacher allen Leids dargestellt wird, verlässt die Kritik die sachliche Ebene. Gleiches gilt, wenn von Israel Dinge verlangt werden, die von keinem anderen Staat gefordert werden. Antisemitisch ist es, Israel das Existenzrecht abzusprechen. Antisemitisch ist es auch, Jüdinnen und Juden weltweit für die Politik der israelischen Regierung verantwortlich zu machen.
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